Der Olympiapark ist längst mehr als ein Relikt der Sommerspiele von 1972. Er ist ein lebendiger Teil Münchens, ein Ort, an dem Geschichte, Architektur und Freizeitkultur ineinandergreifen. Zwischen den ikonischen Zeltdächern, dem künstlich angelegten See und den sanften Hügeln entfaltet sich ein Stück Stadt, das Vergangenheit und Zukunft zugleich erzählt. Wer hier spazieren geht, begegnet der Vision einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet – offen, grün und beweglich.
Vom Oberwiesenfeld zur Olympiastadt
Bevor der Olympiapark zu dem wurde, was er heute ist, lag hier das Oberwiesenfeld – eine weite Schotterfläche am nördlichen Rand Münchens. Lange Zeit diente sie militärischen Zwecken, später als Flugfeld und Truppenübungsplatz. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Areal stark beschädigt, danach nutzte man es als Lagerfläche und zur Entsorgung von Trümmern aus der Stadt. Als München in den 1960er Jahren den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1972 erhielt, war klar: Dieses brachliegende Gelände sollte sich in ein Symbol des Neuanfangs verwandeln.
Das Motto der Spiele lautete „Die heiteren Spiele“ – und genau das sollte sich auch in der Architektur und Landschaftsgestaltung widerspiegeln. Weg von Monumentalität, hin zu Offenheit, Transparenz und Leichtigkeit. Die Stadt wollte sich der Welt als modernes, demokratisches Deutschland zeigen – ein bewusster Gegenentwurf zu den propagandistisch aufgeladenen Spielen von 1936 in Berlin. Der Olympiapark war also von Beginn an mehr als ein Sportgelände: Er war ein politisches, kulturelles und städtebauliches Statement.
Architektur als Haltung
Das Architekturbüro Behnisch & Partner, gemeinsam mit dem Ingenieur Frei Otto und dem Landschaftsplaner Günther Grzimek, gewann den Wettbewerb für die Gestaltung des Parks. Ihr Konzept war ebenso visionär wie mutig: ein fließendes Ensemble aus Sportstätten, Landschaft und Wasser, verbunden durch ein schwebendes Zeltdach, das die Grenzen zwischen gebauter Struktur und Natur auflöste.
Dieses Dach – eine der kühnsten Ingenieursleistungen des 20. Jahrhunderts – spannt sich wie ein Netz aus Glas und Stahl über Stadion, Halle und Schwimmhalle. Es soll an die Transparenz und Dynamik einer modernen Gesellschaft erinnern, an Offenheit und Bewegung. Frei Otto, der Pionier der leichten Bauweise, nutzte Seilnetzkonstruktionen, die zuvor vor allem in Prototypen existierten. In München wurden sie erstmals im großen Maßstab realisiert – ein Wagnis, das weltweit Beachtung fand.
Die Landschaftsarchitektur von Günther Grzimek ergänzte dieses Konzept auf subtile Weise. Mit Hügeln, Wiesen und Wegen schuf er eine Umgebung, die sowohl funktional als auch ästhetisch wirkte. Der Olympiaberg – aus Trümmerschutt geformt – wurde zum Symbol des Aufbruchs: aus den Überresten des Krieges entstand ein Ort des Friedens und der Begegnung.
Das Herzstück: das Olympiastadion
Im Zentrum des Parks liegt das Olympiastadion, damals mit 80.000 Plätzen das größte in Deutschland. Es war Schauplatz der Eröffnungsfeier, der Leichtathletikbewerbe und vieler legendärer Momente – sportlich wie emotional. Seine Form folgt dem Prinzip der Transparenz: keine Mauern, keine Wucht, stattdessen ein offener Raum unter einer lichtdurchfluteten Membran.
Nach den Spielen wurde das Stadion zur Heimat des FC Bayern München und von 1860 München. Hier wurden Meisterschaften gefeiert, Tränen vergossen und Geschichte geschrieben. Bis 2005, als die Vereine in die Allianz Arena zogen, war das Olympiastadion das sportliche Herz Münchens. Heute dient es vor allem Konzerten, Open-Airs und Sportevents – von Rammstein bis zu „Wings for Life“. Die Kulisse bleibt unvergleichlich: Wenn am Abend die Sonne durch das Zeltdach fällt, leuchtet das gesamte Stadion in goldenem Licht.
Die anderen Spielstätten – Architektur mit vielen Gesichtern
Direkt neben dem Stadion steht die Olympiahalle – ursprünglich für Turnen, Fechten und Handball gedacht, heute Austragungsort internationaler Konzerte, Shows und Sportveranstaltungen. Ihre Vielseitigkeit ist Teil des Konzepts: Der Park sollte nicht nur während der Olympiade funktionieren, sondern dauerhaft nutzbar sein.
Auch der Olympiaturm prägt das Bild der Stadt. Mit 291 Metern Höhe ist er eines der markantesten Bauwerke Münchens. Von seiner Aussichtsplattform bietet sich ein Panorama über die gesamte Stadt bis zu den Alpen. Ursprünglich als Fernsehturm gebaut, ist er heute auch Symbol – und touristischer Magnet. Besonders bei Föhn zeigt sich von hier oben die Schönheit der Münchner Topografie, von den grünen Isarauen bis zum weißen Alpenrand.
Der Olympiasee, künstlich angelegt und von Spazierwegen umgeben, bildet die ruhige Mitte des Parks. Er war Teil des ursprünglichen Landschaftskonzepts: Wasser als verbindendes Element, das Bewegung und Spiegelung ermöglicht. Noch heute ist er Treffpunkt für Spaziergänger, Jogger und Familien, im Winter manchmal sogar Schlittschuhläufer.
Der Park als Lebensraum
Nach dem Ende der Olympischen Spiele stand München vor einer Frage, die viele Austragungsorte plagt: Was tun mit den gigantischen Sportanlagen? Die Antwort fiel hier klüger aus als anderswo. Man entschied, den Park als öffentlichen Raum zu erhalten – nicht als Denkmal, sondern als lebendige Struktur.
Heute ist der Olympiapark ein Freizeitparadies. Wer morgens kommt, trifft auf Jogger, Radfahrer und Spaziergänger mit Hunden. Mittags sitzen Studenten auf den Wiesen, abends zieht es Familien und Fotografen auf den Olympiaberg. Dort oben, mit Blick auf die Skyline der Stadt, lässt sich kaum glauben, dass man nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt ist.
Der Park funktioniert in einer seltenen Doppelrolle: als Denkmal der Moderne und als Alltagsort. Seine Gestaltung erlaubt beides. Die offenen Wege, die sanften Übergänge zwischen Architektur und Landschaft, das Fehlen von Zäunen – all das war in den 1970ern revolutionär und prägt bis heute den Charakter des Geländes.
Kultur, Konzerte und Großereignisse
Neben Sport ist Kultur längst die zweite große Säule des Olympiaparks. Die Olympiahalle ist eine der wichtigsten Veranstaltungshallen Europas. Hier traten ABBA, Queen, die Rolling Stones und Beyoncé auf. Im Sommer verwandelt sich das Gelände in ein Festivalareal: Das Tollwood-Festival zieht jährlich Hunderttausende Besucher an. Auf der großen Bühne im Stadion geben sich Weltstars die Klinke in die Hand.
Doch nicht nur internationale Namen prägen den Park. Lokale Initiativen, Sportvereine und städtische Veranstaltungen nutzen das Gelände regelmäßig. Von Triathlon über Straßenfeste bis zu Open-Air-Kinoabenden – der Olympiapark ist ein Ort, der immer in Bewegung bleibt.
Der Schatten von 1972
So sehr der Park Symbol für Aufbruch ist, so unausweichlich ist auch die Erinnerung an die Tragödie, die sich während der Spiele ereignete. Das Attentat auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972 hat sich tief in das Gedächtnis der Stadt eingeprägt. Der Park wurde so zum Schauplatz eines der dunkelsten Momente der olympischen Geschichte.
Heute erinnert das „Erinnerungsort Olympia-Attentat“ an der Connollystraße an die Opfer. Die Ausstellung erzählt nicht nur die Geschichte des Anschlags, sondern auch vom Umgang damit – von Versäumnissen, Verantwortung und dem Versuch, Erinnerung in die Gegenwart zu holen. Es ist ein Ort der Stille, aber auch der Mahnung, eingebettet in das Gelände, das einst für Leichtigkeit und Frieden stand.
Erhalt und Sanierung – Herausforderung der Gegenwart
Mehr als fünfzig Jahre nach seiner Eröffnung steht der Olympiapark vor neuen Herausforderungen. Das Zeltdach, einst Symbol technischer Innovation, muss saniert werden. Korrosion, Witterung und Alter fordern ihren Tribut. Die Stadt München hat ein umfangreiches Sanierungskonzept beschlossen, das den Erhalt der Konstruktion sichern soll, ohne ihren Charakter zu verändern. Die Arbeiten werden sich über mehrere Jahre erstrecken.
Auch bei den Gebäuden und Freiflächen steht Modernisierung an. Ziel ist es, den Park fit für die Zukunft zu machen – energetisch, funktional und nachhaltig. Dabei geht es nicht nur um technische Fragen, sondern um die Balance zwischen Schutz und Nutzung. Der Olympiapark steht seit 1998 unter Ensembleschutz, seine Architektur gilt als Kulturerbe. Jede Veränderung muss deshalb behutsam erfolgen.
Parallel dazu denkt die Stadt über eine mögliche UNESCO-Welterbe-Bewerbung nach. Das Gelände erfüllt viele Kriterien: Es ist einzigartig in seiner architektonischen Idee, international bedeutsam und eng mit einem historischen Ereignis verbunden. Doch auch hier gilt: Nur ein lebendiger Ort hat eine Zukunft – ein Museum der Moderne soll der Park nie werden.
Der Olympiapark im Alltag der Stadt
Was den Olympiapark besonders macht, ist seine Selbstverständlichkeit. Für viele Münchner ist er kein „Ort der Spiele“, sondern einfach ein Stück Zuhause. Er gehört zur Freizeitkultur der Stadt, wie die Isar oder der Englische Garten. Hier treffen sich Generationen: Kinder, die auf den Wiesen spielen, Paare beim Spaziergang, Seniorinnen, die die Sonne genießen, und Touristen, die staunen, wie grün München sein kann.
An Sommertagen breitet sich auf den Wiesen eine Atmosphäre aus, die an ein Volksfest erinnert – aber ohne Krach. Menschen liegen in der Sonne, spielen Gitarre, fahren Tretboot. Gleichzeitig joggen andere um den See, Radfahrer kreuzen die Wege, und oben auf dem Berg glitzert das Zeltdach im Abendlicht. Es ist ein lebendiger Mikrokosmos der Stadt, ein Ort, an dem sich München von seiner freundlichsten Seite zeigt.
Sport lebt weiter
Auch sportlich ist der Park keineswegs ein Relikt. Laufveranstaltungen wie der „B2Run“, Triathlons, Eishockeyspiele und Skate-Events beleben das Gelände. Besonders beliebt ist das Olympiabad, das seit den 1970ern modernisiert wurde und bis heute täglich genutzt wird.
Mit dem „Zeltdachtour“-Angebot hat der Park zudem ein Alleinstellungsmerkmal: Besucher können – gesichert durch Seile – über die Dachkonstruktion des Stadions klettern. Die Aussicht auf die Stadt ist spektakulär, die Erfahrung einmalig. Es ist eine Verbindung aus Abenteuer und Architekturgeschichte, die man sonst nirgends findet.
Ein Ort zwischen Technik und Natur
Wer durch den Park geht, spürt schnell, dass hier Technik und Natur kein Gegensatz sind. Das war von Beginn an die Idee: Architektur sollte nicht dominieren, sondern sich einfügen. Die Hügel und der See wirken organisch, fast natürlich – doch sie sind Ergebnis präziser Planung. Sogar der Blick auf die Stadt wurde bewusst komponiert: Von den höchsten Punkten aus öffnen sich Sichtachsen auf die Münchner Skyline, den Fernsehturm und die Alpen.
Diese visuelle Offenheit prägt das Erlebnis bis heute. Der Park ist trotz seiner Größe übersichtlich, seine Wege folgen organischen Linien. Es gibt keine starren Raster, keine Barrieren. Alles scheint sich zu bewegen, wie in einem lebendigen Organismus. Vielleicht ist das der Grund, warum der Olympiapark auch nach Jahrzehnten modern wirkt: Er folgt keiner Mode, sondern einem Prinzip, das zeitlos ist – der Idee des offenen Raums.
Nachhaltigkeit und Zukunft
In den letzten Jahren wurde der Park zunehmend auch zum Experimentierfeld für nachhaltige Stadtentwicklung. Photovoltaikanlagen, Regenwassernutzung und umweltfreundliche Eventkonzepte sind Teil des Betriebs. Die Olympiapark München GmbH, die das Gelände verwaltet, arbeitet an Strategien, um Energieverbrauch und CO₂-Emissionen zu reduzieren, ohne das Besuchserlebnis einzuschränken.
Ein weiterer Fokus liegt auf Barrierefreiheit und sozialer Teilhabe. Neue Wege und Zugänge sollen den Park für alle zugänglich machen – unabhängig von Alter oder Mobilität. Damit knüpft man an den ursprünglichen Geist der Spiele an: Offenheit, Gleichberechtigung und Teilhabe.
Touristische Bedeutung und Stadtidentität
Für Touristen gehört der Olympiapark heute zu den Pflichtzielen der Stadt. Er steht in einem Atemzug mit Marienplatz, Nymphenburger Schloss und Englischem Garten – doch er ist moderner, urbaner, internationaler. Viele Reiseführer beschreiben ihn als „Symbol für das neue München“.
Gleichzeitig ist er für die Stadtbewohner mehr als ein Ort: Er ist Teil der Münchner Identität. Der Park hat es geschafft, gleichzeitig Erinnerungsort und Gegenwartsraum zu sein. Hier verbinden sich Geschichte, Freizeit und Zukunft in einer Weise, die selten gelingt.
Wer an einem lauen Sommerabend am See sitzt, das Rauschen der Blätter hört und das Licht auf dem Zeltdach tanzen sieht, versteht, warum der Olympiapark nicht nur ein Bauwerk ist, sondern ein Gefühl.
Fazit
Der Olympiapark München ist ein Meisterwerk der Stadtplanung – ein Beispiel dafür, wie Architektur, Landschaft und Gesellschaft sich gegenseitig befruchten können. Er erzählt von Aufbruch und Erinnerung, von technischer Brillanz und menschlicher Nähe. Fünfzig Jahre nach seiner Eröffnung ist er kein Denkmal vergangener Zeiten, sondern ein lebendiger Organismus, der sich mit der Stadt weiterentwickelt.
Wer heute durch den Park spaziert, begegnet nicht nur einer Geschichte der Olympischen Spiele, sondern auch der Geschichte Münchens selbst: vom Wiederaufbau zur Weltstadt, vom Beton zum Bewusstsein, vom Wettkampf zur Begegnung. Der Olympiapark ist – wie seine Architektur – leicht und kraftvoll zugleich. Er ist Münchens vielleicht schönstes Beispiel dafür, dass auch eine Großstadt atmen kann.