Im Rahmen des Forschungsprojekts MINGA testet die MVG gemeinsam mit MAN Truck & Bus einen vollautomatisierten, vollelektrischen Linienbus im realen Münchner Stadtverkehr – ein Meilenstein für den ÖPNV der Zukunft.
München schreibt gerade ein Stück Verkehrsgeschichte. Demnächst wird ein Linienbus die Straßen der bayerischen Landeshauptstadt befahren, der eigenständig lenkt, Gas gibt, bremst und blinkt – ohne dass ein Fahrer die Hände am Steuer hat. Der Hersteller MAN Truck & Bus und die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) starten mit dem Forschungsprojekt MINGA eine der ambitioniertesten Erprobungen automatisierter Großbusse im deutschen Nahverkehr. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) sprach anlässlich der Projektvorstellung davon, dass hier „Pionierarbeit geleistet wird, die weit über die Region und die Stadt München hinausstrahlen wird.“
Was ist MINGA – und was steckt dahinter?
Der Name MINGA steht für „Münchens automatisierter Nahverkehr mit Ridepooling, Solobus und Bus-Platoons“ – und verrät bereits, wie vielschichtig das Projekt angelegt ist. Seit 2023 arbeiten rund 16 Partner aus Verwaltung, Forschung und Wirtschaft im Verbund zusammen: darunter MAN Truck & Bus, die Stadtwerke München und das Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt, das als Konsortialführer das Gesamtprojekt verantwortet. Das Bundesverkehrsministerium fördert das Vorhaben bis Mitte 2027 mit rund 13 Millionen Euro.
Herzstück des Projekts ist ein vollständig überarbeiteter MAN Lion’s City 12 E – ein 12-Meter-Stadtbus, der in enger Zusammenarbeit mit dem auf automatisiertes Fahren spezialisierten US-Software-Anbieter Adastec mit einem sogenannten Automated Driving System (ADS) ausgestattet wurde. Das System entspricht dem SAE-Level 4 – das bedeutet: Das Fahrzeug kann unter definierten Bedingungen vollständig autonom fahren, ohne menschliche Eingriffe. Der Bus ist mit rund 20 verschiedenen Sensoren ausgestattet: Kameras, Radarsysteme, LiDAR-Sensoren und Navigationstechnologie arbeiten zusammen, um ein vollständiges Lagebild der Umgebung zu erzeugen.
Der Zeitplan: Von der Teststrecke in den echten Verkehr
Zum jetzigen Zeitpunkt befindet sich der Bus noch in der Feinjustierung auf einem Testgelände von MAN. Dabei werden spezifische Fahrmanöver erprobt – etwa das präzise Heranfahren an Haltestellen, das Erkennen und korrekte Reagieren auf andere Verkehrsteilnehmer oder das Navigieren durch komplexe Kreuzungssituationen. Im nächsten Schritt soll das Fahrzeug in den realen Münchner Stadtverkehr entlassen werden – zunächst ohne Fahrgäste, als finale Testphase unter echten Bedingungen. Geplant sind dafür die Linien 178 im Norden und 197 im Süden des Münchner Stadtgebiets.
Ab Herbst 2026 plant die MVG dann den Pilotbetrieb mit einer geschlossenen Nutzergruppe. Das Feedback dieser ersten Fahrgäste soll direkt in die Weiterentwicklung des Systems einfließen. Wann und unter welchen Bedingungen eine breite Öffentlichkeit mitfahren kann, soll rechtzeitig kommuniziert werden. Eines bleibt in allen Phasen gleich: Ein Sicherheitsfahrer ist stets an Bord – nicht um zu fahren, sondern um die Systeme zu überwachen und im Ausnahmefall einzugreifen.
Warum das für München so wichtig ist
MAN nennt zwei zentrale Treiber für die Entwicklung automatisierter Busse: den zunehmenden Fahrermangel im ÖPNV und das Ziel, den Nahverkehr in wachsenden Städten effizienter und sicherer zu machen. Beides trifft auf München zu. Die Stadt wächst stetig, die Nachfrage nach öffentlichen Verkehrsmitteln steigt – und qualifizierte Busfahrerinnen und -fahrer werden knapper. Automatisierte Systeme könnten hier langfristig eine strukturelle Lücke schließen, ohne dass das Angebot ausgedünnt werden müsste.
Hinzu kommt: Der MAN Lion’s City 12 E ist vollständig elektrisch – emissionsfrei, leise und damit auch für dicht besiedelte urbane Räume bestens geeignet. München forscht darüber hinaus selbst in einem großangelegten Vorhaben daran, wie automatisierte und vernetzte Mobilitätslösungen in das bestehende Verkehrssystem integriert werden können – MINGA ist ein zentraler Baustein davon.
Bus-Platooning: Wenn Busse elektronisch Konvoi fahren
Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt des MINGA-Projekts ist das sogenannte Bus-Platooning. Dabei werden mehrere Busse per digitaler Kupplung miteinander verbunden – das erste Fahrzeug führt, die nachfolgenden folgen automatisch in kurzem Abstand. Dieser Ansatz erhöht die Kapazität auf stark frequentierten Linien erheblich, ohne dass mehr Fahrer benötigt werden. In das Platooning-Konzept ist der niederländische E-Bus-Hersteller Ebusco eingebunden.
Einordnung: Was bedeutet das für Münchner Fahrgäste?
- Kurzfristig (2026): Der automatisierte Bus wird zunächst von einer geschlossenen Nutzergruppe getestet. Für den normalen Fahrgastbetrieb ändert sich vorerst nichts – aber: Die Testlinie ist öffentlich, d. h. das Fahrzeug kann im Stadtbild beobachtet werden.
- Mittelfristig: Wenn die Tests erfolgreich verlaufen und die regulatorischen Voraussetzungen erfüllt sind, könnten automatisierte Busse sukzessive in den regulären Betrieb integriert werden – zunächst auf definierten Strecken, später breiter.
- Langfristig: MINGA gilt als Blaupause für den deutschen ÖPNV. Was in München erprobt wird, dürfte früher oder später auch in anderen Großstädten Einzug halten.
Pionierarbeit mit Strahlkraft
Deutschland hat bisher weltweit nur sehr wenige Projekte mit vollautomatisierten Großbussen im regulären Linienverkehr vorzuweisen. In Berlin ist MAN mit einem ähnlichen Fahrzeug seit 2025 im Projekt „BeIntelli“ im Einsatz – München zieht nun nach. Der Unterschied: MINGA ist breiter angelegt, stärker vernetzt und mit einer substanziellen Bundesförderung ausgestattet. Für München bedeutet das: Die Stadt, die schon bei der Elektromobilität und der Urbanen Luftmobilität Ambitionen gezeigt hat, setzt nun auch bei der Automatisierung des ÖPNV ein deutliches Zeichen.
Wer im Herbst 2026 einen ungewöhnlich ruhigen, elektrisch surrenden Bus auf der Linie 178 oder 197 sieht, der von selbst an die Haltestelle heranfährt – der ist Zeuge von Stadtgeschichte.
Quellenangaben
- nahverkehrspraxis.de – MAN setzt für autonomes Fahren auf Adastec (April 2026)
- onetz.de – Pilotprojekt: Automatisierter Linienbus für München (dpa, 23. April 2026)
- muenchen.t-online.de – Autonome Busse in München: MVG, Linien 178 & 197 (2025/2026)